Die Todesfälle in einer chinesischen IT-Fabrik zeigen, wie einseitig nachhaltiger Konsum ist – und wie sehr es auf Vebraucher ankommt, die mehr als “grün” wollen.
Soziale Missstände in chinesischen Fabriken – nach solchen sattsam bekannten Nachrichten kräht heute kein Hahn mehr. Längst hat man sich daran gewöhnt und lebt ganz gut damit oder zumindest den billigen Produkten, die uns die Ausbeute in Fernost beschert. Insofern wird die Nachricht von den Todesfällen bei einem großen chinesischen Hardware-Hersteller kaum für Aufruhr sorgen.
Viele Leser werden von “Foxconn” noch nie etwas gehört haben. Wie sollten sie auch, suchen diese Hersteller von PCs, Notebooks, Smartphones und anderen begehrten Utensilien des Informationsalltags nicht das Rampenlicht. Das überlassen sie ihren großen Kunden, die dann wieder jeder kennt und liebhat: Intel, HP, Dell, Amazon und Nintendo geben Foxconn und Konsorten Aufträge. Auch almighty Apple ist darunter.
Arbeiter der Fabrik schilderten der South China Morning Post, wie der Arbeitsalltag für sie aussieht: Sprechverbot, Zwölfstundenschichten, Isolation auf dem Firmengelände, sechs Arbeitstage. Es gibt natürlich wieder die wohlgenährten Besserwisser, die vom heimischen Sessel aus solche Arbeitsbedinungen schönreden: Boy Lüthje vom Frankfurter Institut für Sozialforschung etwa war sich nicht zuschade, dem Economist ein Argument für den Status quo zu liefern. Er behauptet, dass die Verhältnisse “im Vergleich tatsächlich nicht so schlecht sind”. Das ist eine vergleichsweise bescheidene Bemerkung aus einem Institut, das einst die kritische Schule Adornos und Horkheimers hervorbrachte.
Herr Dr Lüthje begnügt sich vermutlich damit, sein iPhone oder iPad zu streicheln und den Rest von Steve Jobs klären zu lassen. Als Eigentümer einer der coolsten Marken der Welt bemühte er sich sogleich die Apple-Fans zu beruhigen. Auf die Anfrage eines Anhängers antwortete Über-Jobs zynisch: “Although every suicide is tragic, Foxconn’s suicide rate is well below the China average. We are all over this.” Eine weniger kühle Antwort war vom coolsten Unternehmenslenker der Welt wohl nicht zu erwarten.
Generell hat Apple sich trotz aller Innovation und Markenzauberei als Nachzügler in Sachen nachhaltiger Produktion erwiesen. Green IT ist erst seit den letzten beiden Jahren ein Thema für den Konzern. Vor allem auf Druck von Greenpeace hat Apple die schädlichsten Materialien aus seinen Produkten verbannt und schmückt sich nun mit seinen “green credentials”. Eine wichtige Rolle werden wohl auch die Kunden in den USA gespielt haben, die neuerdings grüne Produkte toll finden und ganz versessen auf niedrigen Stromverbrauch und wiederverwertbare Materialien sind. Und eine lange Akkulaufzeit, das Ergebnis solcher Effizienzmaßnahmen, ist ebenfalls nicht zu verachten.
Doch was ist mit der sozialen Seite? Hier hat Apple weniger greifbare Resultate zu bieten. Wie es sich dieser Tage für die CSR eines großen US-Konzern schickt, führt Apple Audits bei seinen Zulieferern durch. Erwartungsgemäß wurden bei den 102 Fabriken, die das Unternehmen laut eigenem Bericht 2009 geprüft hat, gerade einmal in zwei Prozent der Fälle ein Verstoß gegen den Verhaltenskodex des Unternehmens gefunden. Wer hätte das gedacht.
Es ist immer leicht und billig, einen Global Player zu wählen und ihn bei seinen Reputationseiern zu packen. Wie Jürgen Kuri von der c’t dem Deutschlandradio Wissen sagte, kommt man als Konsument über unsozial gefertigte IT-Produkte heute nicht mehr herum. Die Branche sei weit weg von akzeptablen Arbeitsbedingungen.
Soll man sich also mit dem Schweiß und manchmal auch Blut, die am Rechner und Telefon kleben, zufrieden geben und den nächsten Latte Machiatto bestellen? Weiter das innovative Design und die intuitive Bedienung über den Klee loben, aber von dem wahren Preis des Produkts schweigen? Sich in der Geste des Klimafreunds und IT-Ökos gefallen, aber das wenig sexy Soziale am besten vergessen?
Wir meinen: ganz im Gegenteil! Was bei Green IT möglich war, ist auch im sozialen Bereich drin. Gerade Apple-Käufer, die sich als Avantgarde gebärden, sollten zu ihrer Verantwortung als Verbraucher stehen. Angesichts der Worte vom großen Guru kann man skeptisch sein, ob das Apple aus eigenen Stücken tätig wird.
Umso wichtiger ist es daher, dass nach der Aktion von Greenpeace nun eine andere Organisation das Thema soziale Verantwortung von Apple und der Konkurrenz auf die Agenda nimmt und Konsumenten mobilisiert. Das kann, muss aber nicht zu einem Boykott führen. Information wäre wie so oft der erste Schritt zur Läuterung. Warum nicht etwa nach dem “grünen” IT Einkaufsführer und Hersteller-Ranking von Greenpeace eine soziale Version desselben herausbringen? Vielleicht würde der Apple-Führer dann endlich kapieren, dass hochpreisige Produkte mehr als die Konkurrenz bieten müssen, auch ethisch.