Weniger oder mehr, Verantwortung oder Schuld – eine Erwiderung


wenigerTja, Kollege Cantzen,

sieht man auf das maue Ergebnis des Weltklimagipfels in Kopenhagen zurück, könnte man meinen, Sie hätten Recht: Sieht so die Antwort auf unbestrittene, allseits anerkannte “Kausalzusammenhänge” namens Klimaveränderung aus? Wo ist die Gefahr, auf die die Welt geschlossen reagieren würde, wo ist das echte Problem?

Gewiss, hätte uns ein Angriff der Marsianer bevorgestanden, Amerikaner und Chinesen führten längst den Gegenangriff. Weil der Klimawandel und seine Konsequenzen aber abstrakter Natur sind, obsiegten am Ende Großmannssucht und Innenpolitik – zumindest dieses Mal. Kopenhagen zeigt also, was aus der Geschichte längst bekannt ist: Komplexe Probleme werden nicht in einer Woche gelöst, wenn überhaupt. Wie und warum Menschen ihrer Perspektive zwar rational handeln, aber kollektiv verheerend wirken, zeigt beispielhaft Jared Diamonds Kollaps. Nur weil wir ein iPhone bedienen können, sind wir damit – auf globaler Ebene – nicht unbedingt klüger als die Bewohner der Osterinsel. Diese isolierten Insulaner haben ihre blühende Insel in den Ruin gewirtschaftet, weil sie die “Kausalzusammenhänge” ihres Lebensraums nicht kannten oder ignorierten.

Doch soll das keine Klimadiskussion sein. Es ging mir in meiner “Moralpredigt” um Verzicht, den ich anekdotisch mit einigen großen Problemen unserer Zeit verband (soziale Ausbeute, Umweltzerstörung und Scheinheiligkeit reiner Effizienz-Debatten). Ich halte nichts von Küchenpsychologie, aber es scheint mir doch bemerkenswert, dass Sie, Kollege Cantzen, aber auch einige Leser sich mit einem Schuldvorwurf konfrontiert zu sehen scheinen. Wieso?

Verantwortung und Schuld stehen in Verbindung zueinander. Doch ist diese Verbindung sequenzieller Natur: Zuerst kommt die Verantwortung, dann eventuell die Schuld. Denn eine Schuld, für die ich nichts kann, weil ich keine Verantwortung (und damit Handlungsfreiheit) hatte, ist ein ethisch und juristisch leerer Begriff.

Es wäre dumm, den zweiten Schritt vor dem ersten tun zu wollen. Warum also von Schuld sprechen in Anbetracht komplexer “Kausalzusammenhänge”, bei der Schuld-Zuweisung unseriös wäre? Warum nicht einfach auf den kleinsten Nenner zurückgehen, den Konsumenten, und in jedem Einzelfall fragen: Was steht in meiner Macht? Was habe ich zu verantworten und was möchte ich verantworten?

Das ist neben Verantwortung/Schuld der zweite Punkt an dem Sie mir das Gegenteil vom Geschriebenen unterstellen: es geht nicht um das Kollektiv und nicht um dessen volonté générale oder dergleichen. Das “Wir” in meinem Beitrag ist nichts anderes als die rhetorische Klammer für jeden Einzelnen. Denn, das ist richtig, ich sehe uns Wohlstandsbürger allesamt in der Verantwortung, wenn auch in unterschiedlichem Maße, wenn wir von dem Verbrauch endlicher oder begrenzter Güter sprechen.

Es ging und geht mir nicht um einen Katalog von gutem und schlechtem Konsum. Die rhetorischen Fragen, ob man nun nicht mehr heizen oder verreisen dürfe, sind verfehlt, wenn ein Dritter über sie entscheiden soll. Das wäre die Art von Bevormundung, die an dieser Stelle mehr als einmal abgelehnt wurde. Aber als Fragen an jeden Einzelnen, als Ausgangspunkt für Selbstreflexion und vielleicht Selbstverbesserung – als solche taugen sie.

Bedeutend ist also nicht die generelle Frage, ob man dieses oder jenes verschuldet, indem man auf diese oder jene Weise konsumiert. Das bleibt in der Gegenwart eine vermutlich unlösbare Frage – ganz Ihrer Meinung, Kollege Cantzen! Aber die Frage, ob man etwas verantworten will, weil der eigene Konsum damit korreliert ist, steht dann auch weiterhin im Raum.

Natürlich ist damit keine abstrakte Korrelationen wie “Heizen = Klimasünde” gemeint. Kommt man jedoch auf den Einzelfall zu sprechen, z.B. Heizen bei geöffnetem Fenster (Sowjet-Methode), könnte man sich als moralisches Subjekt fragen, ob man dieses sinnlose, Ressourcen verschwendende Verhalten verantworten will. Denn irgendwo – oh materielle Welt! – brennt und raucht es dafür etwas mehr. Anderes Beispiel: Will man seine rund 80 Kilogramm Fleischkonsum pro Jahr, wie sie statistisch auf jeden Deutschen entfallen, verantworten? Man kann das, selbst als “Armer”, aber will man durch diese Nachfrage zu der industrialisierten Fleischproduktion mit all ihren Übeln beitragen? Hier bedarf es keiner konkreten Kausalität, die im Übrigen immer schwer zu erweisen ist. Das Wissen, dass die eigene, kleine Nachfrage zu der aggregierten Nachfrage beiträgt, reicht vollkommen aus und ist leicht zu prüfen (wo und was kaufe ich?).

Wenn es aber jedem Einzelnen obliegt, diese Fragen zu beantworten und die Mehrheit sich anscheinend nicht darum scherrt, wozu dann überhaupt das Gerede von Verantwortung? Warum das Bestehen auf Verzicht?

Zum einen weil es am Ende doch auf jeden Einzelnen ankommt. Da mag man auch tausend mal mit dem Argument kommen, dass es ja alle so machten und eine Abweichung hier und da keinen Unterschied bewirke: ethisch tut sie es allemal. Und auch politisch und gesellschaftlich ist der artikulierte und gelebte Dissens unabdingbar.

Zum anderen beinhaltet Verantwortung immer die mögliche Schuld. Wenn ich schon nicht sicher wissen kann, ob mein Lebenswandel wirklich einen bestimmten Missstand bewirkt, so kann ich es auch nicht gänzlich ausschließen. Gewiss, man kann sich auf “nicht gewusst” zurückziehen, wenn man moralisch indifferent ist. Das mag allzu oft auch vorkommen, ist dadurch aber noch längst nicht akzeptabel. Angesichts unserer aufklärerischen Tradition kennen wir andere Maßstäbe an uns und unsere Mitbürger.

Und eben dies, um zum Schluß zu kommen, ist das Programm dieser Seite: wir fordern Verbraucher dazu auf, ihren eigenen Konsum zu bedenken und ihren Werten anzugleichen, den Konsum auf diese Weise zu politisieren. Ich plädiere dafür, dies nicht nur durch die verschiedenfarbigen Varianten des “mehr” – vom Neongrün der Utopisten bis zum Schwarz der Protektionisten und Nationalisten – sondern auch durch ein schlichtes “weniger” zu tun.

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