in Ihrem Artikel anlässlich des Kopenhagener Klimagipfels geht es Ihnen vermutlich um Schuld, die große Schwester von Verantwortung!
Sie kaufen ein Notebook und fast unmittelbar leidet ein Kind in Ghana! Sie fliegen weniger und nehmen Ihre “Verantwortung” zur Rettung des Klimas der Welt wahr! Sie haben kein Auto und verbrauchen damit nicht die finiten Ressourcen unserer Erde und ermöglichen damit Generationen, die nicht mal in 50 Jahren geboren werden, ein würdiges Leben!
Die unterstellten Kausalzusammenhänge zwischen dem Notebook und dem leidenden Kind in Ghana bleiben jedoch höchst spekulativ und sind Gegenstand von Widersprüchen, Politisierungen und Ideologisierungen. Nicht anders die Diskussion um das Klima und die endlichen Ressourcen unserer Erde.
Zu allen Annahmen, die Sie Ihren Handlungen unterlegen gibt es mindestens zwanzig Studien, die das Gegenteil beweisen! Natürlich sind die Ressourcen unserer Erde endlich, aber wenn Grundsätze der Ökonomie zutreffen, werden endliche Ressourcen bei Knappheit nur sehr teuer und hören nicht auf zu existieren.
Verstrickungen in der Empirie, und damit meine ich die Diskussion über vermeintliche Kausalzusammenhänge, täuschen über das weg, was im Rahmen einer Ethik zählt: das Leiden von Millionen Menschen. Wen interessiert der Klimawandel in hundert Jahren, wenn es schon heute genug zu tun gäbe, die Lebensgrundlage der Menschen zu sichern. Sicherlich können Prognosen über komplexe Zusammenhänge handlungsanleitend für Einzelne werden. Diese sind aber äußerst selten so eindeutig, als dass sie mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit eintreffen.
Nun werden Sie mir wahrscheinlich Antworten: “Was weiß man schon? Wenn vollständiges Wissen die Grundlage jeder Handlung sein muss; dann ist Handeln, das auf die Zukunft gerichtet ist, nicht möglich!”
Und da hätten Sie recht. Aber Entscheidungen mit unsicherer Datenbasis im Namen eines “Wir-Kollektivs” zu fällen, ist unangebracht. Die Plausibilität bestimmter Argumente muss der Einzelne bewerten und seinen Handlungen unterlegen.
Sie fragen “Was brauchen wir wirklich? Was reicht jedem Einzelnen aus? Worauf haben wir nicht automatisch ein Anrecht, nur weil die Lotterie des Lebens uns eine Existenz in einem Industrieland beschert hat?”
Diese Fragen im Modus des “Wir-Kollektivs” sind unbrauchbar, weil erstens das Wissen über dasjenige fehlt, was andere brauchen, und zweitens Kollektivfragen meist auf strittigen Grundannahmen über Kausalzusammenhänge beruhen.
Lassen Sie mich dieses Argument verdeutlichen: Warum kommen Sie zu fragen wie “Was brauchen wir wirklich”? Ich nehme nicht an, dass Sie das “wahre Leben im Falschen” verurteilen wollen, wie dies die Gesellschaftskritik der 68er getan hat.
Wenn ich sie richtig verstanden habe, gehen Sie von Kausalzusammenhängen in der Realität aus. “Ressourcen sind endlich und werden von anderen benötigt, deswegen verzichten!” “Weniger Notebooks kaufen, dann leben die Kinder in Ghana besser!”
So sympathisch diese folgenethischen Einstellungen auch sind, die Kausalzusammenhänge bleiben fragwürdig. Was nicht fragwürdig bleibt, ist Ihre Motivation andere nicht zu schädigen oder anderen Menschen zu helfen.
Bei allem “Talk” über Klima, Umwelt und Kausalitäten wird oft vergessen, um was es wirklich geht: die moralische Pflicht gegenüber anderen Menschen! Und die besteht unabhängig von Kausalitäten, an denen wir Schuld oder nicht Schuld haben. Warum werden erst im Rahmen der Klimadiskussion Milliarden an Entwicklungshilfe losgemacht?Warum muss Schuld und der mit der Schuld kausal verknüpfte Verzicht so dominant in den aktuellen Diskussionen sein?
Sicher können Sie darüber nachdenken, wie sich das Klima verändert und welche Folgen dies für andere Menschen haben könnte. Da es dazu aber nie 100-prozentig sicheres Wissen gibt, muss die Diskussion im “Privaten” geführt werden, da sonst die Gefahr groß ist, dass allen Menschen der Willen und die Einsichten Einzelner aufgezwungen wird.
