Heute beginnt in Kopenhagen der Weltklimagipfel. Gipfel, denn das dortige Geschehen findet in luftigen Höhen statt: Staatenlenker jonglieren mit abstrakten Zahlen und feilschen um Prozentpunkte. Dieweil sitzen Wirtschaftslenker und Aktivisten am Rande, rufen dazwischen, flüstern ein. Nur eine Gruppe fehlt: die Verbraucher. Was bedeutet der Klimagipfel für sie?
So fern der Klimagipfel auch ist, wichtig ist er doch. Dort wird der weltweite Konsens über die Reaktion der Menschheit auf sich verändernde Umweltbedingungen ausgehandelt. Nicht mehr, nicht weniger. Die entscheidende Umsetzung liegt bei den Staaten. Was bringen die schönsten Zahlen, wenn sie nicht verwirklicht werden? Da liegt der Hase im Pfeffer, wenn in den kommenden Jahren Streit ausbricht über die Zuverlässigkeit von Emissionszahlen einzelner Länder oder offene Verstöße gegen die beschlossenen Verpflichtungen. Was wollte man schon tun, wenn bei brummender Weltwirtschaft gleich mehrere große Staaten doch mehr emittieren?
Auch die nationale Ebene ist noch eine Abstraktion. Die Staaten können zwar regulieren, Gesetze und Verbote erlassen und Anreize setzen. Letztlich aber liegt es an jedem Einzelnen, die Ziele des globalen Klimakonsenses und vielleicht mehr zu erfüllen. Die Verbraucher, wir, sind die kleinste Einheit im Wirtschaftssystem. Und es ist unsere aggregierte Nachfrage, die einen Weltklimagipfel überhaupt notwendig machte.
Genau hier stellt sich aber ein Problem, das schon lange bekannt, aber zu unbequem ist, um diskutiert zu werden: der Lebensstandard in den Industrieländern sowie der neu entstehenden Mittel- und Oberschichten in Entwicklungsländern ist zu hoch. Wie man auch immer zum Klimawandel steht: dass die Weltwirtschaft unsere natürliche Lebenswelt belastet und zerstört, kann kein Mensch von der Hand weisen. Der Klimawandel und der CO2-Fetisch mögen da lediglich die populärsten Themen sein.
Nicht nur die Umwelt leidet unter unserem steigenden Lebensstandard. Wir leben de facto in einer ethischen Apartheid. Es ist schön, wenn etwa das Ruhrgebiet nicht mehr nach Kohle stinkt und renaturiert wird. Aber wer zahlt hier die Zeche? Vielleicht die Chinesen, in deren Nachbarschaft die deutschen Eisenhütten wiederaufgebaut werden? Wer ist eigentlich blöd, wenn er zum Schnäppchenpreis ein neues Notebook kauft? Vielleicht die Kinder in Ghana, die es drei Jahre später zerschlagen und verbrennen, um an etwas Kupfer zu kommen? Und ist nicht toll, wer Windeln kauft und dabei durch eine implizite Spende Kinderleben rettet? Aber welches Kind könnte mit 5,3 Cent gegen Tetanus geimpft werden?
Die alte Debatte um den richtigen Lebensstandard, die seit 20 Jahren unter dem Label „Nachhaltigkeit“ läuft, ist zu einer Effizienz-Debatte verkümmert. Das passt vielen Beteiligten nur zu gut: In Nachhaltigkeits- und CSR-Berichten lässt sich so schön quantifizieren, um wie viel Prozent effizienter man mit verschiedenen Rohstoffen umgeht. Die Verbraucher können so ruhigen Gewissens zu dem neuen Fernseher greifen, der doch so viel effizienter ist. Dass dabei die Bildschirmdiagonale über die Jahre immer länger, weil billiger geworden ist, dass die meisten Effizienzgewinne durch einen absoluten Anstieg der verbrauchten Energie und Rohstoffe wieder aufgefressen werden, das kehren Produzenten gerne unter den Teppich. Und selbst die sparsamsten Verbraucher, die um jedes Watt ringen, wollen am Ende auf das Auto, die Flüge oder das täglich Fleisch nicht verzichten.
Allein über Effizienz zu reden reicht nicht – weder in Kopenhagen noch im heimischen Wohnzimmer. Man muss auch wieder über die sperrige Suffizienz sprechen: Was brauchen wir wirklich? Was reicht jedem Einzelnen aus? Worauf haben wir nicht automatisch ein Anrecht, nur weil die Lotterie des Lebens uns eine Existenz in einem Industrieland beschert hat?
Diese Fragen und viele Antworten hat es schon gegeben. Damals übte man Gesellschaftskritik und geißelte die Auswüchse der Konsumgesellschaft. Wo sind diese Fragen geblieben? Wo bleibt ein Utopia, in dem es um Konzentration auf das Wesentliche und Verzicht auf Krimskrams geht statt um „strategischen Konsum“? Müssen wir auf die Rückkehr der „Kriegswirtschaften“ warten, wenn Vater Staat uns sagt, was und wie viel wir verbrauchen dürfen?
Vielleicht ist Suffizienz einfach nur ein hässliches Wort, das niemals die Beraterschneidigkeit der „Effizienz“ oder gar „Öko-Effizienz“ erreichen wird. Vielleicht brauchen wir eine neue, zeitgemäße Sprache für dieses alte Problem, brauchen Vor- und Leitbilder, die mindestens so cool wie ein grüner Apple sind. Vielleicht lernen wir Verbraucher, die wir bestimmen, was gekauft wird, auch bloß vier neue Worte: „Danke, es reicht mir.“
#1 von Peter am 16. Dezember 2009 - 12:43
Was fangen wir mit dieser Predigt an?
Darf ich nicht mehr heizen?
Darf ich nicht mehr fernsehen?
Darf ich nicht mehr Auto fahren?
Darf ich nicht mehr Reisen?
Darf ich kein Fleisch mehr essen?
Vielleicht stimmen die Preise der Güter nicht, aber der Mensch ist Mensch und nicht Selbstkasteier.
Das erinnert mich alles an “Iss auf Kind, in Afrika hungern sie!” – Was will man mit diesem Spruch eigentlich sagen?
#2 von Thomas am 16. Dezember 2009 - 14:48
Was heißt denn “der Mensch ist Mensch”? Vielleicht, dass er seine Taten reflektieren kann und über das Stadium des “Habenwollens” hinausdenken kann. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er seinen Konsum im Überfluss mit dem eigenen Budget und der Verantwortung in Einklang bringt. Gut möglich, dass das der Mehrheit schnuppe ist und Verzicht daher sinnlos bleibt.
Aber nur weil man dann doch verzichtet, ist das noch lange keine Selbstkasteiung. Glück und Überfluss gehen nicht immer Hand in Hand. Eine Beschränkung auf das Wesentliche – wie es auch immer für jeden Einzelnen definiert ist – scheint mir sinnvoller als der alten Marketinglüge “Kaufen=Glück” zu glauben – egal ob mit oder ohne grünen Heiligenschein.
Der Artikel soll nicht mehr, als an andere Debatten erinnern, die eben nicht auf immer mehr Effizienz getrimmt sind. Man muss sich doch ernsthaft fragen, warum nun plötzlich alle an einem Strang ziehen – Politik, Wirtschaft, Konsumenten – wenn Nachhaltigkeit als sexy gilt. Aus meiner Sicht liegt es daran, dass niemanden Opfer abgefordert werden, sich aber alle besser fühlen dürfen. Es darf mehr und immer mehr sein, solange es nur schön effizient dabei zugeht.
Im Übrigen ist das Beispiel “Kind, iss auf!” fehl am Platz. Hier handelt es sich um einen psychologischen Trick, mit dem ein Erwachsener einem Kind ein schlechtes Gewissen einredet. Die Leser dieses Artikels sollten dagegen autonome Personen sein
#3 von Peter am 16. Dezember 2009 - 17:26
Konsum ist nicht gleich CO2-Ausstoß, genausowenig wie Konsum bedeutet, dass jeder in der westlichen Welt so viel hat, dass er Entbehrung nicht kennt.
Was stimmt ist, dass wir ein höheres Einkommen haben als die meisten anderen Menschen auf der Welt. Es kann aber keine Lösung sein, sich diesen Menschen gegenüber als schuldig zu fühlen – Ihnen ist durch meinen Verzicht nicht kausal geholfen.
Hiermit schliesst sich der Kreis zu meinem Kinderspruch. Er deutet Zusammenhänge an, wo keine sind und appeliert an mein Schuldgefühl.
Der Mensch ist Mensch bedeutet in erster Linie, das man nicht mit einem verfehlten Menschenbild vom aufopfernden, schuldbewussten und gerechten Menschen argumentieren kann.
Wenn wir nämlich anders wären, dann würden wir diese Diskussionen nicht führen.
Und es reicht auch nicht, das eine Handvoll meint, dass sie anders wären solange auch nur ein Einziger nicht mitzieht.